Sitz gerade?

Wie man sich bettet, so hört man – wer es nicht glaubt, sollte mal sein Sitzmöbel wechseln. Und staunen.

Wie man sich bettet, so hört man – wer es nicht glaubt, sollte mal sein Sitzmöbel wechseln. Und staunen.



hrm_logo_15x50“Sitz gerade!”, fordern die Familien-Granden mit schöner Regelmäßigkeit von dem am Tisch herumturnenden Nachwuchs, was bei erfolgreicher Umsetzung durch die Sprösslinge zu einer zunehmenden Versteifung auch jenseits des Rückgrats führen kann. Mit der Spätfolge, dass die eigene Präsenz lotrecht vor den Lautsprechern zu zelebrieren den Musikgenuss empfindlich stören kann. Denn Genuss braucht Muße und Entspannung, im Hirn wie im Körper, schließlich koppelt das biologische Tragwerk in die Denkfabrik zurück.

Warum ich dieses alles schreibe? Weil ich mir einen Sessel in den Hörraum gestellt habe. Inklusive Fußbänkchen, im Edel-Jargon auch Ottoman genannt. Mit hellem Leder gepolstert (beide), mit breiten Armlehnen (der Sessel), der zudem ein Freischwinger ist. Oder eine Kragarm-Konstruktion, ganz wie man will. Und das hat Folgen, auch noch Wochen später.

Folge 1 ist, dass der Kragarm-Freischwinger-Sessel nebst Fußbank eine ganze Menge Platz wegnimmt. Wie gut ich das finde, habe ich noch nicht final entschieden, auch weil ich die Anlage im Raum noch umstellen werde (dazu folgt demnächst ein separater Text).

Folge 2 ist, dass der frei schwingende Kragarm-Sessel den Klang verändert. Allerdings nur minimalst, so dass ich mir das vielleicht auch nur einfach einbilde, weil sich ja alles Neue und teuer bezahlte gewaltig lohnen muss ;-)

Folge 3 ist, dass es trotzdem besser klingt. Und das sowohl aus den durch Vibration erregten Holztürmen also auch mittels Ohr umschließender Hochohm-Klangkapseln. Wie das?

Das habe ich mich auch gefragt. Zumal die ersten Kostprobem des nachts schnabuliert wurden, wo der Mensch gemeinhin der Müdigkeit anheim zu fallen droht. Falls sie ihn nicht längst überwältigt hat. Aber: Mitnichten. Ihr Bestreben war zwar nicht von der Hand zu weisen, der Erfolg bliebt ihr dennoch verwehrt. Weil:

Entspannung der positiven Art auch anregend wirkt. Aufmerksamkeits-schürend. Wach-Momente-stapelnd. Selbst zu finsterer Mitternacht, wenn schon alles im Hause selig vor sich hin schlummert und das klangoptimierende Lämpchen hinten auf dem Rack im Nachtlicht-Modus karg-gelblich vor sich hin schimmert.

Plötzlich Genuss, könnte man sagen. Was insbesondere deshalb spannend war (und weiterhin ist), weil die vergangenen Wochen sehr arbeitsintensiv und auch sonst an- und eingespannt waren. Weil die Tage meine Kraftreserven mitunter gleich nach dem Frühstück wie einen Morgen-Snack mal eben flugs verknusperten. Und weil der Rest der betroffenen Wachphase entsprechend zur Durststrecke geriet.

Macht aber nichts: Der schwing-kragende Frei-Sessel umledert den Abend mit wohligem Geschaukel, entschlackender Fuß-Rast und entschleunigender Präsenz-Wohltat. Das färbt ab auf’s Gemüt, dem Designer sei’s gedankt, und der ermattete Geist und der entkräftete Körper ermuntern sich zu freiem Empfang, auf dass die dargereichten Klangwellen frei in das Innere des nach Erfrischung Dürstenden fließen können. Bezaubernd.

Zugegeben, diese leicht überbordend-blumige Beschreibung lässt beinahe zur Karikatur geraten, was sich tatsächlich einstellen kann: Ein entspannender Sitzplatz macht die Seele frei. Klingt einfach, ist einfach, aber nicht immer so einfach umgesetzt. Denn da ist noch die Sache mit der Individualität:

Nicht jeder Platz passt für jeden. Also heißt es ausprobieren, denn wie sagt man so schön: Versuch macht kluch. Und der Erfolg bietet als Bonus schönere Klangstunden.

Wobei übrigens – wie bei der Technik, so auch beim Sitzmöbel – weiterhin die teuflische Formel gilt: Es kommt viel mehr auf die Passform an, als auf das Preisschild.

Versuchen Sie’s mal!




Abbildungen: Montage durch HighResMac mit Material von Thonet, IKEA, Tecta und Vitra



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