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Retrospektive: Das Konzert in der Royal Albert Hall markierte nicht nur das Ende einer 7-monatige Tournee, sondern bot auch einen Querschnitt aus 20 Jahren musikalischem Schaffen

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Steven Wilson – Home Invasion: In Concert At The Royal Albert Hall (Live)

hrm_logo_15x50Der Titel des Albums ist fast so lang wie seine Spielzeit: Home Invasion: In Concert At The Royal Albert Hall (Live) heißt die jüngste veröffentlichung des britischen Prog-Rock-Multi-Intrumentalisten Steven Wilson. Satte 2 Stunden und 26 Minuten Musik liefert es über die Lautsprecher aus, gruppiert in 21 Stücke. Das sind schöne Zahlen. Und die Musik?

„Don’t sit down, the time has come!“, sagt Wilson am Anfang von Permanating. Der Grund ist seiner Aussage nach, dass „pop music rules, and if you don’t like pop music, that you’re a musical snob.“ – Gut, damit wären wir schon mitten drin in der Diskussion, die sein Album To The Bone entfachte: Igitt, zu viel Pop Musik statt Progressive Rock. Dabei ist Wilson durchaus für andere Kritik gut, wenn man denn will.

Dass der Brite inzwischen wie ein Übergott des Progressive Rock gefeiert, wenn nicht gehypt wird, ist hinreichend zu beobachten. Gentle Giant, Jethro Tull –  gefühlt alles, was im Prog-Rock der 70-er einen Namen hatte, ist von ihm remastered worden. Und die Alben haben dabei nicht unbedingt gewonnen.

Wer ein Ohr in ältere Aufnahmen von Procupine Tree wirft, der Band, die vor seiner Solo-Karriere in eigenem Namen stand, wird feststellen, dass Wilson per se ein nicht ganz massenverträgliches akustisches Empfinden zu haben scheint. Procupine Tree war phasenweise seltsam stumpf. Die aktuellen Aufnahmen sind seltsam geschärft. Ein ausgewogenes Klangspektrum scheint nicht so ganz sein Ding zu sein. Und jetzt?

Home Invasion: In Concert At The Royal Albert Hall (Live) macht einem die Sache nicht einfacher. Ein Live-Album folgt per se anderen Regeln. Bitte mehr Publikum und damit Störungen. Mehr Offenheit und Bühne nach oben verschoben, damit wir uns auch alle hübsch auf den Boden der andächtigen Bewunderung phantasieren können.

Mit diesen Gedanken im Gepäck ist Home Invasion für einiges an Überraschung gut. Song of I beispielsweise kommt sehr klar, aber auch recht füllig und relativ ausgewogen zu Gehör. Und für eine Live-Einspielung sehr transparent. Nette Überraschung.

People Who Eat Darkness fängt etwas rau an, als Sophia Hungers Gesang rau und etwas kristallin losstürmt. Dann aber setzt die Band ein und das Gesamtspektrum fängt die Klang-Kanten wieder ein. In den fülligen Passagen ersäuft dann aber doch der ein oder andere Ton, ist es Momente lang akustisch breiig. Gut, es ist auch live.

Anscestral setzt dem schwammigen Gefühl wieder präzise Musikalität entgegen. Wuchtige Live-Klänge, die trotzdem gut zu differenzieren bleiben, auch bei den engagierten Gesangs- und Intrumental-Passagen.

Worin der Unterschied zwischen Steven Wilson (heute) und Steven Wilson (früher) liegt, lässt sich am ehesten an Sleep Together beobachten. Das Stück ist auch auf dem Procupine Tree Live-Album Atlanta zu finden. Dort ist es brummiger und untenrum dicker, im Gesamtklang fällt es gegen die aktuelle Aufnahme trotzdem ab, denn heute ist die Akustik im Gesamtbild ausgewogener, besser aufgelöst, detailreicher, raumfüllender und in Summe runder. Präziser ist sie höchstens auf Drive Home.

Das Konzert selber ist wie eine Zeitreise durch Wilsons Schaffen. Procupine Tree-Nummern ebenso wie Stücke von seinen Alben unter eigenem Namen. Vor Even Less sagt er, das folgende Stück sei für alle, die seiner Musik seit den 90-ern zuhören. Das passt zum Aufführungsort: Die Royal Albert Hall wird nur für besondere Konzerte heraus gerückt. Und das Album ist ein solches, als Querschnitt der drei Abschluss-Konzerte der vergangenen Tour.

Home Invasion: In Concert At The Royal Albert Hall (Live) hat das Zeug, unter der lichten Tanne für gute Stimmung zu sorgen. Vor allem aber auch danach noch. Und zwar langfristig.


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Album-Daten

Interpret: Steven Wilson
Titel: Home Invasion: In Concert At The Royal Albert Hall (Live)
Genre: Genre: Rock
Label: Eagle Rock Entertainment
Jahr: 2018
Spielzeit: 2.26:23 min
Format: FLAC 96/24 / AIFF 44,1/16
Als CD für 14,99 Euro bei Amazon
Als Studio Master für 30,00 Euro bei HighResAudio



Abbildungen: Eagle Rock Entertainment


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