Die Hör-Pupille

Anpassungsfähig – die Hör-Pupille assistiert die ihre Kollegin im Auge, nur ist sie leider nicht so hilfreich.

Anpassungsfähig – die Hör-Pupille assistiert die ihre Kollegin im Auge, nur ist sie leider nicht so hilfreich.



hrm_logo_15x50Kennen Sie die Hör-Pupille? Das ist ein medizinisch bisher noch nicht beschriebenes Phänomen, das insbesondere im Kreis audiophiler Connaisseure zu finden ist. Diese befällt es regelmäßig in Folge von Modifikationen am Anlagen-Setup. Der Krankheitsverlauf ist zwar gesundheitlich harmlos, unter Umständen aber kostspielig.

Symptomatisch für die Hör-Pupille ist ihre Fähigkeit, sich wechselnden Klangverhältnissen blitzschnell anzupassen, wodurch eine temporär zufriedenstellende Wahrnehmung erreicht, eine langfristige Ausgewogenheit aber vermindert wenn nicht sogar verhindert wird.

Die Funktion der Hör-Pupille ist vermutlich evolutionär bedingt und sicher prima, wenn man sich im Urwald nach den rettenden Geräuschen der einzigen querenden Straße umhört. Bei der Degustation erlesener Hi-End-Klänge ist die Hör-Pupille dagegen eher ein Hindernis. Weil?

Weil sie alles gut klingen lässt – irgendwie, nach ein paar Momenten der Eingewöhnung (und gutem Zuredens, sei es von dritten, sei es vom eigenen Ehrgeiz).

Nur ist dieses Irgendwie dann der Grund, ständig an den Kabeln zu fummeln, die Stromleiste zu tauschen, die Endgeräte zu wechseln, neue Gardinen aufzuhängen, das Rack zu ersetzen, größere Bilder zu kaufen, den Sessel mit fluffigem Stoff zu polstern, die Fenster mit Linsen zu tunen, die Sicherung im Hausstromkasten zu tauschen,… – es ist endlos. Und die Hör-Pupille? Sagt ständig: “Oh, toll!”

Und zwei Tage später, wenn zum wiederholten Mal ein Referenzstück aus den Lautsprechern tönt, passt es doch nicht. Dann scheinen die Mitten zu bauchig. “Echt?”, fragt die Hör-Pupille. Und die Höhen etwas bedämpft. “Das war aber gestern nicht”, protestiert die Hör-Pupille. Der Bass etwas suppig. “Das schmeckte vorhin aber noch anders”, naseweist das Hörverwirr-Organ. Und schon geht es wieder los:

Vergleichstests lesen. HiFi-Auguren im Fachgeschäft aus dem Kaffeesatz lesen lassen. Kabel tauschen, Geräte wechseln, Gardinen abhängen und über das Sofa legen, die Bilder verschieben, den Schumann-Resonanz-Stecker in eine andere Steckdose applizieren, das Rack erden… – es nimmt kein Ende.

Wäre da nicht die Hör-Brille, vulgo das Hirn. Das nämlich eine genaue Vorstellung von dem hat, was es hören will. Das nur von dieser variationsfreudigen Hör-Pupille immer wieder gerne aus dem Fokus geschubst wird. Das dann eine Weile braucht, bis es sich wieder berappelt hat und seine Erwartung präsent zu artikulieren vermag. So dass der Weg wieder klar ist, der Klang ziemlich bald danach auch. Und die Freude wieder eingekehrt ist ins Ohr.

Und die Hörpupille? Lauert im Hintergrund auf einen schlechten Tag. Wenn Müdigkeit, grippaler Infekt oder der neue Kühlschrank ein bisschen mit der Wahrnehmung spielen. Und sie das nicht gleich auskorrigieren kann. Dann flüstsert sie im Hintergrund: “Neue Kabel! Wir brauchen neue Kabel! Und einen anderen DAC. Und der CD-Player…”

Was dann zu tun ist?

Hören Sie bloß nicht drauf!






Abbildungen: Larm Rmah/Unsplash.com; Bearbeitung. HighResMac



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